cy_NB_Nils-Frahm_Elbphilharmonie-HH_10-22_01-08_Copyright-Daniel-Dittus Herr der (Synthie-) Türme: Nils Frahm. Foto: Daniel Dittus/Elbphilharmonie (hfr)

Spooky, jazzy und sogar etwas sakral – Nils Frahm jongliert sich imposant durch unterschiedliche Klangwelten

Um elektronische Musik zu produzieren, benötigt man heutzutage im Prinzip nicht mehr als ein Notebook und diverse kostenfrei heruntergeladene Programme aus dem Internet. Das lässt sich – wie das viele auch tun – ganz locker im heimischen Schlafzimmer erledigen. Vermischt man das Ganze jedoch mit akustischen Schlaginstrumenten, einem Klavier und analogen Synthesizern, braucht man schon etwas mehr Platz. Im Fall des in Hamburg geborenen Nils Frahm zum Beispiel einen Großteil der Bühne der Elbphilharmonie – des Großen Saals, versteht sich… Der sympathische, ganz sportlich an seine Arbeitsgeräte flitzende Neu-Vierziger hat sich einen wahren Synthesizer- und Instrumente-Turm aufgebaut. Um diesen legt er während des Konzerts gelegentlich kurze Sprints hin, damit er die nächste Sequenz  starten oder eine Melodie auf der Holz-Marimba klopfen kann. Das alles sieht imposant aus und wird auch von der präsentierten Musik bestätigt, die – trotz aller minimalistischen Anleihen – insgesamt auf einen Wall-of-Sound setzt.

Der Start des Konzerts ist jedoch sehr zart und leise, die Glas-Orgel leitet den Abend mit einer spooky Atmosphäre ein. Ein leichter Science Fiction-Soundtrack-Touch à la Max Richter wird mit sphärischen Klängen initiiert, die dann aber völlig überraschend zu bretonisch anmutenden Arrangements mutieren. Mit freundlichen Grüßen von Yann Tiersen, möchte man als Zuhörer sogleich hinzufügen. Nach diesem Break – wir sind immer noch beim gleichen Opener-Track – steigt wiederum das große elektronische 1-Mann-Orchester samt synthetischen Geigen und Bläsern ein und macht im Laufe der Komposition zusehends Platz für eine immer tiefer werdende Orgel. Willkommen in der sakralen Welt des Musikers Nils Frahm, so das neue Motto. Das ist aber noch längst nicht alles, nach einer erneuten Solo-Piano-Phase taucht das Werk in ziemlich irdisch-jazzige Töne ein, um von da zu einem Oriental Style-Tonwerk – mit dazu passendem, klapperndem Schlagwerk – zu wechseln. Ach ja, flankiert wird das Ganze dabei von Walgesang-ähnlichen Synthie-Sounds… War’s das dann? Nicht ganz, der fast schon sinfonisch anmutende Song mit einer melodramatischen Grundstimmung lässt noch einen dramatischen künstlichen Chor anschwellen und findet dann schließlich ein abruptes Ende.

Schon bei diesem fast zwanzigminütigen Eröffnungsstück wird es klar, dass es bei Nils Frahm vor allem auf Soundlandschaften und die dadurch unmittelbar erzielte emotionale Einbindung des Hörers ankommt. Dabei kreiert der in Berlin lebende Musiker ein munteres Potpourri von diversen kulturellen Einflüssen, das manchmal knapp an der Grenze zur Beliebigkeit agiert, doch Frahm’s ausgeprägtes Gefühl für umwerfende Klanggebilde kaschiert dieses leichte kompositorische Manko insgesamt ganz gut weg. Als Besucher ist man – noch dazu in so einer grandiosen Halle wie der Elbphilharmonie – einfach überwältigt, welche Töne da einem rundherum im ganzen Saal um die Ohren entgegenfliegen. Der ganze Auftritt basiert auf diesem beschriebenen Konzept und kommt in Hamburg’s weltweit bekanntem Saal bestens an. Zu zwei Zugaben joggt Frahms nochmal auf die Bühne und begeistert auch mit diesen seine Fans. 

Text von Cetin Yaman

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